Blog

Der Lightcatcher Kurt Moser und die Kunst der Ambrotypie

Veröffentlicht am 29. September 2017 von Redaktion Longo

Der „Lightcatcher“ über den Unterschied zwischen einem Foto und einem Kunstwerk

Kurt_mit_Baby_schwarz_weiss.jpg

Steine, die im Jahr 1268 zu Gemäuer aufgeschichtet wurden, grenzen das sonnige Außen von einem Atelier ab, das genau so fürstlich eingerichtet ist, wie man es sich vom Innen eines Schlosses erwarten würde. Perserteppiche, alte Truhen und antike Souvenirs. Eine alte Kulisse für eine alte Kunst: Die Ambrotypie.

Die größte Kamera, die ich je gesehen habe

Eine menschengroße Balgenkamera begrüßt Besucher im Foyer. Kabel, Scheinwerfer, Leuchtschirme und Leinwände überall im Raum. Eine Ambrotypie-Kamera mag so mancher nur aus alten Filmen kennen. Für Kurt Moser, der mich mit erwartungsvollem Lachen und heißem Kaffee empfängt, ist sie wesentlicher Bestandteil eines außergewöhnlichen Projekts, tägliche Arbeit, Passion und Abenteuer – alles in einem. „Ambrotypien sind echte Kunstwerke. Jedes Bild, das durch die Ambrotypie entsteht, ist einzigartig – im wahrsten Sinne sogar, weil Ambrotypien nicht  reproduzierbar sind.“ Die Kamera, die er vorsichtig, fast liebevoll tätschelt, stammt aus dem Jahre 1907, er hat sie vor drei Jahren in Mailand gefunden, restauriert und wieder zum Einsatz gebracht. Die ersten Ambrotypien entstanden aber erst vor ca. einem Jahr. Zunächst galt es nämlich, unzählige Tests durchzuführen, um das alte Verfahren schrittweise wieder zu erlernen. „Der Aufwand war es allemal wert“, sagt Kurt, „denn die Ergebnisse sind Kunstobjekte, wertvoll! Nicht nur, weil Silber und Kathedral-Glas zum Einsatz kommen, oder weil die Technik heute von nur mehr wenigen beherrscht wird, sondern vor allem durch das, was sie ausdrücken. Die Bezeichnung „Foto“ könnte einer Ambrotypie nicht gerecht werden.“

Jetzt will ich endlich eine Ambrotypie sehen!

Seelenfotografie

Durch eine Dunkelkammer, die mit ihren vielen Flakons, Reagenzgläsern und Flaschen etwas Laborhaftes an sich hat, betreten wir einen Nebenraum. Sowie sich die alte Holztür öfffnet, blicken mich unterschiedlichste Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Gesichtsausdrücken von riesigen schwarzen Glasplatten aus an. Die Kontraste in Schwarzweiß sprechen stärker, als man es von normalen Fotos kennt, die Ambrotypien haben etwas Plastisches, Dreidimensionales an sich. „Viele, die mit dieser Technik portraitiert worden sind, erkannten sich gar nicht sofort wieder. Ambrotypien halten das Wesen des Menschen fest. Es wird eine ganz besondere Seite ihrer Seele fotografiert - das muss auch nicht immer eine schöne sein.“ Warum bloß wirken Menschen auf Ambrotypien so anders als auf normalen Fotos?

MoserKurt_PortraitNotburga_50x60cm_Ambrotypie.jpg

Warum sind Ambrotypie-Portraits so ausdrucksstark?

„Das hat viele Gründe. Zum einen kann man das Fotografieren mit der Ambrotypie nur bedingt beeinflussen, man kann die Technik aber nie ganz beherrschen, im Sinne von ‚ihrer Herr sein‘. Ich kann das Licht setzen, wie ich es für passend halte, ich kann das Motiv wählen und zurecht positionieren – das Entwickeln eines Bildes aber ist ein chemischer Prozess, der fast ganz ohne mein Zutun zustande kommt, einen Eigenwillen hat, wenn man so will. Und der am Ende genau das Ergebnis hervorbringt, das nunmal hervorgebracht werden möchte. Den Prozess der Bild-Entstehung kann ich als Fotograf also nur begleiten, kaum beeinflussen. Das unterscheidet die Ambrotypie von der heutigen Fotografie.

Zum anderen muss ein Mensch, der vor dem Objektiv einer Ambrotypie-Kamera sitzt, bis zu 30 Sekunden die Luft anhalten! Das übliche Foto-Lächeln oder den Selfie-Smile kann man nicht für so lange Zeit aufsetzen, irgendwann blickt der Mensch dann so drein, wie er es eben immer macht. Und sieht sich vielleicht zum ersten Mal ganz echt und natürlich – im richtigen Licht, sozusagen.

Und letztlich – ja, zum Dritten glaube ich, dass jeder Ambrotypie etwas Magisches innewohnt. Schon allein deshalb, weil hier nicht mit Pixeln sondern mit Silbermolekülen gearbeitet wird. Das erinnert doch irgendwie an Alchemie, nicht wahr?

Fakt ist auch, dass bei der Ambrotypie mit Licht gearbeitet wird, das das menschliche Auge nicht mal wahrnehmen kann, mit UV-Licht nämlich. Natürlich rückt man alles, was man mit der Balgenkamera festhält, in ein vollkommen ‚neues Licht‘.“

Und nun aber genauer …

Kurt Moser wird präziser, er erklärt mir den Vorgang: „Die Glasplatten, auf denen die Ambrotypie festgehalten wird, sind aus nachtschwarzem, durchgefärbtem Kathedral-Glas. Sie werden mit einer Paste aus Kalzium und Alkohol geputzt und dann in Nylonfolie eingepackt. Bevor das Licht eingefangen werden kann, wird die Glasplatte vorsichtig mit Handschuhen von der Nylonfolie befreit. Jeder Fingerabdruck kann das Ergebnis beeinträchtigen. Nun wird dickflüssiges Kollodium – das schon zwei Tage zuvor angerichtet wurde – langsam auf die Platte gegossen und verteilt. Wenn es zu trocknen beginnt, wird die Glasplatte in ein frisch zubereitetes Silberbad gelegt – so tränkt sich das Kollodium mit Silberkristallen. Von nun an ist das Glas lichtempfindlich. Es wird in kompletter Dunkelheit in das Magazin geschoben, dieses wird dann in die Ambrotypie-Kamera gesteckt – die beschichtete, lichtempfindliche Seite zum Kamerainneren hin gerichtet. Das Objektiv wird freigelegt, sodass das Licht für eine bestimmte Zeit auf die Silberkristalle scheint und diese aktiviert. Während dieser Zeit darf sich das Motiv, in unserem Falle die Person vor der Kamera, nicht bewegen. Denn genau jetzt wird das Bild auf die Silberschicht gebannt. In der Dunkelkammer wird dann, in ungefähr 10 Minuten, die endgültige Ambrotypie entwickelt. Ein Bild für die Ewigkeit.“

INES_Shooting_Backstage.jpg

Sie hat die Leselust gepackt! Wir senden Ihnen gerne unsere kostenlose Ausgabe der neuen Printspiration (unser Kundenmagazin) zu!

Kostenlose Kopie bestellen

Fotografie Ambrotypie Kunstfotografie Lightcatcher

Redaktion Longo

About Redaktion Longo

Wir, das Redaktions-Team LONGO, sind eine dynamische und kreative Gruppe von Marketing- und Kommunikationsprofis für Print- und Online-Medien. Auf unserem Blog berichten wir über neue Projekte aus dem Hause LONGO und über das, was unsere Arbeit prägt.